Das Rauschen im falschen Leben

Für alle, denen ein Leben in einer Kontrollgesellschaft nicht egal ist: Welche Strategie gibt es? Gibt es überhaupt ein Leben in der Kontrollgesellschaft, ohne gleich gewaltsam zu revolutionieren? Nach Adorno, einem der bedeutendsten deutschen Philosophen des letzten Jahrhunderts ist es nicht möglich. Sein berühmtestes Zitat: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Dieses stammt aus seiner Minima Moralia, der kleinen Moral, Aphorismus 18, überschrieben mit Asyl für Obdachlose. Es geht ums Privatleben, dass sich an seinem Schauplatz, der Wohnstätte zeige. Aber warum nur schreibt Adorno: „jede Spur der Geborgenheit [ist] mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt.“ Seit wann ist die Familie eine Interessengemeinschaft? Die Familie ist m.E. die letzte wahre Gemeinschaft. Hat dies mit Adornos eigenem Schicksal zu tun? Ist es das, was er im Exil (Flucht vor den Nazis nach Amerika) erfahren hat? Darum auch der Titel. Oder kann die Familie gar nichts anderes mehr sein als eine Interessengemeinschaft, bedingt durch „die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser“. Die Häuser als Regenerationsort humanuider Ressourcen der kapitalistischen Maschine. In welcher Form diese kapitalistische Maschine sich auch ausprägen mag. „Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät.“ Jeder humanuiden Ressource seine Parzelle, in der sie selbst im Privaten noch kontrolliert wird.

Das beste Verhalten sei, „das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen.“ Privatleben ist hier nur noch eine Insel der Ruhe, ohne weitere Bedeutung. Es ist aber auch schon eine Insel, die vom Meer bedroht wird und Gefahr läuft, bei der nächsten Flut überspült zu werden. Denn die Gesellschaftsordnung ändert sich. Und mit ihr die eigenen Bedürfnisse. Die Selbstkontrolle, der wir durch die aufziehende Kontrollgesellschaft, die heute längst eingetreten ist, unterliegen, gestattet kein Privatleben mehr. Die Kontrollgesellschaft wird zur Transparenzgesellschaft.

Adorno, der nicht dafür bekannt war, ein Praktiker zu sein, zeigt hier trotzdem einen Ansatzes der Widerstandsstrategie auf, wenn er schreibt: „es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.“ Zu Hause wohnt man sowieso nicht mehr, wenn es nur noch um Regeneration geht. Mit dem Außer-Haus-Sein entzieht man sich der Kontrolle, man deterritoralisiert sich gewissermaßen, verlässt seine zugewiesene Par-zelle. Man erzeugt ein Rauschen in der kapitalistischen Maschine. Und Adorno: „Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt.“ Die daraus folgende moralische Forderung: Jeder hat sich selbst die Frage zu beantworten, was von seinem Eigentum eigentlich sein Eigen ist – und damit von Bedeutung, von Dauer etc. Der Rest ist bloßer Besitz. Wird die Firma eigentümergeführt oder befindet sie sich im Besitz von Share-holdern? Selbstverwirklichung oder Profitmaximierung?

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Mit diesem Satz schließt Adorno diesen Aphorismus. Er sieht keine Hoffnung, solange sich die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ändern. Ich denke, man muss die Lage nicht so hoffnungslos sehen. Oh doch, es gibt ein richtiges Leben im falschen: ein Rauschen im falschen Leben. Sich dem maschinellen Zugriff, der Disziplin und der Kontrolle entziehen, wenn man es will/braucht. Privatleben führen, um die Ruhe zu finden, der der Mensch braucht, um Mensch zu bleiben/werden. Wie kann dieses Rauschen aussehen? Ganz sicher nicht, wie Friedrich von Borries uns in seiner, ja, wie soll ich schreiben, Gesamt-Kunst lehrt. In seinem Buch RLF (in Anspielung an Adorno das „richtige Leben im falschen“) betreibt er eine Kapitalismuskritik, die der Designer auch im RL (real life) umsetzt, indem er RLF-Produkte produziert, die man käuflich mit gutem Gewissen erwerben kann. Ich muss zugeben, ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich kann auch nicht alles lesen. Den Redakteuren von ZEIT online wird man allerdings ein Mindestmaß an Seriosität unterstellen dürfen, wenn das auch nicht im Allgemeinen meinem Stil entspricht. „Die Leser des Buches, die Käufer von RLF-Produkten können vielleicht zu Shareholder, zu Teilhabern eines revolutionären Prozesses werden. Nicht aber zu aktiven Teilnehmern, die diesen Prozess selbst mitgestalten. Für sie besteht der revolutionäre Prozess nur darin, etwas nachzuvollziehen, was RLFvorgeschrieben hat. Ein kleiner Klüngel weiß, wo es lang geht, die große Masse führt aus: So eine Revolution ist immer eine Kontroll-Freak-Fantasie.“ Es mag übertrieben klingen, aber wozu Revolutionen von oben führen, hat uns der reale Sozialismus und Kommunismus in der Geschichte gezeigt. Oder zieht von Borries hier nur eine großes Marketing im eigenen Interesse auf? Spielt mit den Bedürfnissen und schlechten Gewissen der LOHAS und Hipster?

Das Rauschen, das mir vorschwebt, kann dagegen nur von jedem einzelnen ausgehen. Wenn organisiert, dann höchstens als Graswurzelorganisation. Rauschen als Imperativ jedes einzelnen einer neuen minima moralia. Um konkret zu werden, hier ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Wie man mit kleinen Fotos die gerade erst neu eingeführte Gesundheitskarte zu Fall bringt.

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