Der Hyperbaum

Man muss heute schon lange durchs Internet treiben, um auf ein anderes Foto als ein Selfie zu stoßen. Seinen Höhepunkt hat dieses Phänomen bei den diesjährigen Oscar-Verleihungen erfahren – mit dem größten Staraufgebot, was diese Gattung bisher zustande gebracht hat. Dieses Selfie hat es geschafft Twitter lahmzulegen.

Das Bild von René Magritte Der Verrat der Bilder (um mir gar nicht erst die Mühe zu machen, mein nicht vorhandenes Französisch zu aktivieren; abgebildet ist eine Pfeife, darunter der Schriftzug Dies ist keine Pfeife), oder wie ich es hier darstelle Dies ist kein Baum, bietet einen weit hergeholten Anhaltspunkt, um einen Zugang zu diesem Phänomen zu finden. Philosophisch hoch aufgeladen. Verdammt viele Bedeutungsebenen. Bestens geeignet, um auf Cocktailparties zum Objekt pseudophilosophischer Gespräche zu werden. Ich könnte jetzt poststrukturalistisch argumentieren, dass es kein Signifikat mehr gibt, sondern nur noch Signifikanten. Aber das wäre für meinen Geschmack zu feuilletonistisch. Natürlich ist es kein Baum. Das ist offensichtlich, es ist das (in meinem Fall misslungene) Bild eines Baumes und repräsentiert somit lediglich einen Baum. Aber, so schreibt Byung-Chul Han: „Die digitale Fotografie stellt die Wahrheit der Fotografie radikal in Frage. Sie beendet die Zeit der Repräsentation endgültig. Sie markiert das Ende des Realen. In ihr ist kein Verweis auf den realen Referenten mehr enthalten. So nähert sich die digitale Fotografie wieder der Malerei an“. Sie stellt selbst Realität her – eine Hyperrealität. „Die Hyperrealität repräsentiert nicht, sie präsentiert.“

Was für eine Hyperrealität entsteht bei einem Selfie? Es ist eine Realität, eine Welt voller Narzissten. Und wo sind die meisten zu finden? Klar, in Hollywood. Narzissten produzieren nur sich selbst. Sie repräsentieren niemanden und nichts. Sie präsentieren sich und nur sich. Facebook ist der Hyperraum der Narzissten. Mit so vielen Profilen, Menschen wäre hier unangebracht, befreundet, aber niemand hat Zeit, ein Foto von euch zu machen. Sorry, mache gerade ein Selfie. Mache ein Selfie davon, wie ich gerade ein Selfie mache. Selbstreferenzielle Hyperrealität.

Was passiert, wenn sich Kunst, als Spiegel (des Narziss), sich mit Selfies auseinandersetzt, sieht man hier.

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