Der Autor ist tot

– Ein Stück in einem Akt –

Der Eine: „Der Autor ist tot.“

Requiem. Sechs Träger tragen von rechts nach links den Sarg und gehen wieder ab.

Und die Andere: „Ja, und wer schreibt diesen Text?“

Der Eine: „Was soll das heißen: wer schreibt diesen Text??“

Chor: „Was soll das heißen!? Was soll das heißen!? Lasst uns Wörter um uns schmeißen!“

Ein Geist aus der Sesamstraße: „Pst…! Willst du ein W kaufen?“

Die Andere: „Na, du und ich, wir sind ja wohl nichts weiter als Figuren, literarische Figuren, denen das gesprochene Wort in den Mund geschrieben wird. – Wer schreibt?“

Der Eine: „Ist denn das geschriebene überhaupt das Essenzielle am Text? Oder nicht vielmehr das gelesene Wort? Sodass der Leser in der Lektüre einen Autor konstruiert?“

Ein Dritter: „Wieso Text und wieso Leser? Dies ist ein Theaterstück! Hier zählt einzig das gesprochene Wort. Und sind wir nicht gleich schon Interpreten, die es zu interpretieren gilt?“

Teil des Chors: „Wo kommt der her? Was macht der hier?“

Der Eine: „Aber nein, du bist nicht gleich du. Du bist ein Spieler. Stellst zur Schau – und nicht nur dich. Du bist das Sprachrohr deiner dargestellten Figur, die aber selbst eine literarische ist. Du bist ein ambivalentes Wesen. Halb real, halb ideal, halb gelesen.“

Andrer Teil des Chors: „Eins und zwei macht drei.“

Die Andere: „Und vor allem: geschrieben.“

Der Eine: „Aber die Schrift allein hat keine Bedeutung. Erst die gelesene!“

Ein Dicker Schinken knallt herab! Beethovens Fünfte.

Die Andere: „Das ist doch pseudopoststrukturalistischer! Ja, der einsame Leser mag sich vor dem isolierten Text einen Autor konstruieren. Der Autor in dieser Vorstellung ist keine sinngebende Instanz mehr. Sinn verleiht der Leser dem Text. Poststrukturalismus. – Aber wir leben im 21. Jahrhundert. Der Autor ist im Internet längst wiedergeboren. Der Autor lebt!“

Der Sarg wird zurückgetragen und in der Mitte abgesetzt. Der Deckel öffnet sich. Der Autor steigt aus dem Sarg. Himmelhochjauchzen.

Chor: „Er lebt. Er lebt.“

Statisten bauen das Internet um den Autor herum.

Der Eine: „Wieso ist er im Internet wiedergeboren?“

Die Andere: „Der Autor wird durch seine mediale Omnipräsenz zur Kultfigur. Der Autor wird Star. Gemessen an den Sternchen, die er gewertet wird. Der Autor wird selbst zum Produkt.“

Der Autor schwebt gen Himmel. Himmelhochjauchzender.

Der Eine: „Aber das ist ja selbst zu sehr dem Denken des 20. Jahrhunderts verpflichtet. Der Autor wird dadurch nicht mehr mehr sein. Kein materielles Sein. Der Autor bleibt tot.“

Der Autor stürzt herab. Knall. Stille.

Der Eine: „Es lebe seine Imagination. Mehr aber auch nicht. Hier liegt er. Reglos. Dem Leser ist egal, was tatsächlich mit ihm ist. Dem Leser sowieso. Und der Leser der Gala will auch nicht wissen, wie es tatsächlich um ihn bestellt ist. Er will die Reduktion auf die Sensation. Wen interessiert denn schon der Mensch? Wir wollen das Ideal! Keinen Menschen. Einen Star! Wir wollen Götter! Denn unser ist tot. Stehe auf. Entschwinde gen Himmel!“

Der Geist des Autors fährt aus seinem Körper und entschwebt gen Himmel. Engelsgesang.

Ein Dritter: „Und wo gehen wir jetzt hin?“

Die Andere: „Wir sind schon längst digitalisiert. Einsen und Nullen. Ja und Nein. Affirmation und Negation. Der Eine und Die Andere.“

Ein Dritter: „Und was ist mit mir?“

Der Eine: „Du bist das ausgeschlossene Dritte. Objektsprachlich nicht (er)fassbar.“

Chor: „Er ist nicht. Er ist nichts. Eins und zwei sind nicht gleich drei…“

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