Paare in der U-Bahn #1

Warte kurz“, rief sie, „ ich will mir noch ein Frühstück holen.“

Er leicht genervt, sofern dies seine Welteinstellung zulässt: „Die Bahn kommt gleicht.“ Und presst sich seinen Jutebeutel fester unter den Arm, jederzeit laufbereit.

Aber sie steht bereits in der Schlange, Bäcker-to-Go, schon die Nächste in der Reihe. Hier bestellen, da bezahlen, dort entgegennehmen.

Erste Servicekraft: „Guten Morgen.“ Ein Hauch der Freundlichkeit ist echt. „Bitte schön?“ Und als nicht sofort die Bestellung kommt: „Was darfs sein?“ Blick schon auf den Nächsten in der Schlange gerichtet.

„Einen Chai-Tea-Latte mit Vanille-Flavour, bitte.“

Servicekraft wiederholt es in einer Lautstärke, dass es nicht nur jeder in der Schlange hört, sondern auch die Servicekraft an der Maschine.

Aber Bestellung noch nicht ganz abgeschlossen: „Haben Sie Sojamilch?“

„Aber selbstverständlich.“ Damit lässt sich in diesem Stadtteil von Derbe-City richtig Geld machen. „Vegan bitte!“

Die beiden finden sich jetzt in der U-Bahn mir gegenüber wieder. Mein Fehler. Was setze ich mich auch dazu. Umsteigen in diesem Teil der Stadt kann gefährlich sein. Hätte gerne mein Buch weiter gelesen. Es gibt nun mal Leute, die ihre Gespräche so führen, dass die eigene Aufmerksamkeit ungestört bleibt. Und es gibt solche, bei denen man einfach nicht weghören kann. Das liegt nicht an der Lautstärke. Dies sind auch nicht solche, die ihre Gespräche für Dritte führen, weil sie geile Hunde sind und im Grunde eine Performance aufführen. Diese beiden befanden sich in einem echten Dialog, der mich nicht losließ. Böse Zungen würden von Fremdschemen sprechen. Das würde zu weit führen. Aber wie sie so dasaßen. Er mit seinem Jutebeutel, seinem Friesennerz, der so gar nicht zu seinen zarten Gesichtszügen passte. Vor fünfundzwanzig Jahren hätte ich ihm vielleicht sein Pausenbrot geklaut. Jetzt isst er selbst-geschmierte Stullen in der U-Bahn, weil der öffentliche Raum sein Raum ist. Und SIE so richtig Hippster mit passender Breitrahmenbrille und traurig, dass auf ihrem Becher nicht drauf steht, was drin ist.

Den Anfang ihres Gesprächs habe ich nicht mitbekommen. Da konnte ich mich noch halbwegs auf mein Buch konzentrieren. Doch einen Teil meiner Aufmerksamkeit hatten sie bereits gewonnen. Sie wären nämlich total glücklich miteinander, händchenhaltend in der U-Bahn. Das am Morgen. Zum Glück hatte ich gefrühstückt. Dass das überhaupt geht, das mit dem Händchenhalten, mit Jutebeutel auf dem Schoß, während man mehrfach von seiner Graubrotstulle abbeißt.

Dann fing sie mit Stolz von ihrem stressigen Tag an zu erzählen, der vor ihr lag und sich im Grunde mit einer kurzen Schlafpause fortsetzen würde. Keine Ahnung, worum es konkret ging. Kling aber nicht nur stressig, sondern auch total überzogen. Konnte nicht gesund sein. Hatte auch nichts mit ihrem Studium zu tun. Das ist die Generation, dachte ich mir, für die Burn-out keine Krankheit, sondern ein Prädikat ist. Kurz schien ihr Freund meine Einstellung zu teilen, als er meinte, dass er sich mit sorgenvoller Miene echt Sorgen um sie mache.

„Aber es bringt Kohle“, erwiderte sie. Totschlagargument. Bäm!

Das war der Moment, in dem ich kurz eine Grundsatzdebatte erwartet hatte. Aber sie schob schnell hinterher: „Alles Kohle für Thailand. Da werde ich alles raus lassen. Ich mach nur, worauf ich Bock hab. Wenn ich Bock auf Surfen hab, surfe ich. Und wenn ich mal in ein in ein 5-Sterne-Hotel will, geh ich in ein 5-Sterne-Hotel. Wenn ich eine Massage will, lass ich mich massieren.“ Ihr Enthusiasmus konnte jetzt nicht gebremst werden. Ihr Freund mit dem Jutebeutel nickte grinsend zustimmend. Grinsend nicken. Grinsend nicken. Das war sein Part. Nick doch nochmal grinsend, dachte ich und fragte mich, wo waren seine Sorgen hin.

„Oh ja, das wird ein schöner Urlaub“, sagte sie, wie um ihre Selbstlüge zu unterstreichen.

Und der Jutebeutel musste natürlich noch ein Ausrufezeichen dahinter setzen. „Supergeil.“

Ich konnte nicht mehr. Ich stoppste mich ab. Soundtrack meines Lebens voll aufgedreht & das Leben übertönt. Dann fuhr die U-Bahn in den Tunnel.

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