Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

Die alte Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein. Goethe, der Gottvater der Deutschen Dichtung hat es Dr. Faust aussprechen lassen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Aber Faust hat es nur ausgesprochen, sagen lassen hat er es das Volk. Faust selbst befindet sich in einer Sinnkrise. Er hat den Glauben an die Wissenschaft verloren. Sogar den Glauben an den Glauben hat er verloren: „allein mir fehlt der Glaube“. Faust macht mit seinem Hiwi Wagner einen Osterspaziergang. Faust preist dabei das frohlockende Leben des einfachen Volkes.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbes-banden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.“

Das Volk erwacht zu neuem Leben, genau wie die Natur – wie auch Gott selber in der dreifaltigen christlichen Logik in Gestalt seines Sohnes – zu Ostern zu neuem Leben erwacht. Hier, entrissen aus dem grauen Alltag, ist das Volk Mensch und darf es sein.

Aber was bedeutet es Mensch zu sein? Um eine inhärent vorgreifende Dialektik einzubauen, ziehe ich gern den alten Hegelversteher G. Günther heran, denn (nicht nur) den Menschen zeichnet Bewusstsein aus: Es „hat sich noch niemand unter Bewußtsein etwas anderes vorstellen können als Information (Erlebnissinn), die sich in einer sinnhaft modifizierten Weise auf sich selber bezieht und dadurch von sich selber weiß.“ Dies ist Bewusstsein des eigenen Bewusstseins, also Selbstbewusstsein. Wahrscheinlich teilen wir uns diese Fähigkeit mit mindestens anderen Primaten, vielleicht auch anderen Säugern (Wale, Delfine etc.), aber schon einmal eine Annäherung, aber Günther sieht diese Möglichkeit auch für Maschinen. Es ist eine Reflexion der eigenen Reflexion. Aber wenn man Günthers Werk Das Bewusstsein der Maschinen vollständig und aufmerksam liest, wird klar, dass entgegen der Vermutung, die der Titel vermuten lässt, bei dieser doppelten Reflexion, die Selbstbewusstsein herstellt ein Rest bleibt, der rational die zu erfassen und damit in keiner Maschine herzustellen ist. Kompliziert ausgedrückt, aber lässt sich auf folgende Unbekannte zurückführen: die Seele. Dieser Rest mag vielleicht im technologischen Fortschritt von Zeit zu Zeit kleiner werden, aber niemals zu eliminieren sein. Zum Menschsein gehört also, zu akzeptieren, dass man selbst nicht vollständig rational zu erfassen ist und dies zu akzeptieren. Genau dieser zweite Teil ist wichtig und Fausts Problem. Faust verzweifelt daran, dass er die letzte(n) Wahrheit(en) nicht erkennt. Und Weil er dies(e) nicht erkannt hat, trotz seiner universellen Gelehrtheit, hat er seinen Glauben an die Wissenschaft verloren. Man muss die Grenzen der Wissenschaft erkennen und diese akzeptieren, ohne den Glauben an ihren Nutzen zu verlieren.

Zum Menschsein gehört es, Fehler zu machen, weil der Mensch eben nicht vollständig rational ist. Eine Maschine macht keine Fehler. Aber sie kann an einen Punkt kommen, an dem sie keine (rationale) Entscheidung mehr fällen kann. Und dann? Hält der Algorithmus an?!

Der Mensch kann auch dann entscheiden, wenn er dafür keine Begründung hat. Das nennt man Intuition.

Der selbst-optimierende Mensch unserer heutigen Zeit ist sich dieses nicht rationalisierenden Restes nicht mehr bewusst. Wenn jemandem an dieser Stelle Zweifel kommen sollten, wer dieser selbst-optimierende Mensch sein soll, kann ich nur schreiben, dass es für diese Bewegung bereits einen Namen gibt: Quantified Self. Diese Selbstoptimierer sind bereits gut organisiert. Ihr Ziel ist die Leistungssteigerung. Dabei tracken sie, was zu tracken ist. Daten sammeln um des Daten sammeln willen. Die Community hilft dabei insofern, dass der Gruppendruck das Selbst bei der eigenen Optimierung unterstützt. Die eigenen To-Do’s abhaken, was die Community registrieren kann, um ein langfristiges Glück zu erreichen, ohne anzugeben, worin dieses Glück besteht. Es geht um Erfolgsorientierung, Steigerung der Produktivität. Die Methode ist der Einsatz von Algorithmen, indem die Selbstoptimierer sich der Kontrolle von Apps unterwerfen, deren Daten in der Cloud verarbeitet werden.

Sie rannte, gejagt von ihrem eigenen Schatten rannte sie, die Grenzen höher schiebend, gehetzt, verfolgt von der Maschine. Die Maschine jagte sie, jeden Tag, durch den Tag, kontrollierte sie – durch den Tag. Überwachte sie – durch den Tag, durch die Nacht. Sie rannte… keine Zeit mehr: die Maschine erinnerte sie daran, dass in fünf Minuten Zeit fürs Duschen war. Also wechselte erhöhte sie das Tempo. Nur wer über seine Grenzen geht, steigert die Leistungsfähigkeit. Ihre Leistungsfähigkeit wurde ihr genau angezeigt. Sie kämpfte gegen ihren eigenen Durchschnitt. Heute würde sie ihn deutlich schlagen und damit steigern. Steigerung ihrer eigenen Produktivität: das war das Ziel ihrer täglichen Existenz.

Katrin hasste die Dusche. Sie musste sich unbedingt ein Water-Case bestellen. Sie würde länger brauchen, weil die Haare gewaschen werden wollten. Aus der Dusche checkte sie zunächst ihr privates Smartphone (SM): Keine WhatsApps? – Sie überprüfte den WLAN-Verbindung. Alles in Ordnung. Konnte direkt fünf Mails beantworten. Danach abtrocknen. Dann Blackberry – Frühstück werde ausfallen müssen. Zähneputzen, Rasur ist ok, also los.

Dieses Thema mag befremdlich klingen, ist aber grundsätzlich so ganz neu nicht. Selbst die Alten Griechen und die antiken Römer entwickelten bereits Moralvorstellungen oder eine Philosophie der Lebenskunst, in der es darum geht, Herr über sich selbst zu werden und nicht Sklave der eigenen Lüste zu sein. Das Mittel dieser Lebenskunst ist die Vernunft. Michel Foucault untersucht diese Entwicklung eindrucksvoll in seiner Reihe Sexualität und Wahrheit und fasst es im dritten Band Die Sorge um sich wie folgt zusammen: „Diese Selbstkunst […] unterstreicht immer mehr die Anfälligkeit des Individuums gegenüber den diversen Übeln […] Sie hebt die Wichtigkeit hervor, alle Praktiken und alle Übungen zu entwickeln, durch die man die Kontrolle über sich bewahren und am Ende zu einem reinen Genuß seiner selbst gelangen kann.“ (S. 305) Es geht um „die Entwicklung einer Kunst der Existenz, die um die Frage nach sich kreist, nach seiner Abhängigkeit und seiner Unabhängigkeit, nach seiner allgemeinen Form und nach dem Band, das man zu den anderen knüpfen kann und muß, nach den Prozeduren, durch die man Kontrolle über sich ausübt, und nach der Weise, in der man die volle Souveränität über sich herstellen kann.“ (Ebd.)

Ist dies nicht dasselbe Prinzip wie das der Selbstoptimierer, nur dass diese Vernunft, die die Griechen und auch die Römer noch in sich selbst gesucht haben, in Apps, Smartphones, Smartwatches etc. ausgelagert wird? Wie lange dauert es noch, dass der Geist in Technik und Körper materiell verschmelzen? Hat diese Verschmelzung in einem gewissen Sinne nicht bereits stattgefunden? Man denke nur daran, wie panisch Menschen reagieren können, wenn sie bemerken, dass sie ihr Smartphone nicht zur Hand haben. Sie klopfen ihren gesamten Körper panisch ab. Weil das Smartphone an den Körper gehört. Man denke nur an die Entwicklung der stylischen Apple-Produkte: iMac, iBook, iPhone, iWatch… Diese Entwicklung ist erst perfekt, wenn das ultimative Produkt den Namen trägt: i.

Bis zu einem gewissen Grad sind wir alle Maschinen, nämlich soweit, wie wir uns mithilfe des Verstandes rational erfassen können. Aber es bleibt eben dieser bereits erwähnte Rest. Wir können diesen Rest nicht einfach ausblenden und vernachlässigen. Es ist unsere Seele, um die es dabei geht.

Goethe hat dies erkannt. Es ist die Krise, die uns auf uns zurückwirft. Und wo wird die Krise stärker bewusst, als in der Liebe? Wir können darunter leiden, wie der junge Werther. Oder wir können unser Gretchen hinter uns lassen und hinaus in den zweiten Teil reiten.

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