Selfie-Stange oder: Wie man sich selbst fickt

Dem Titel ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Lasse mich aber nicht davon abhalten, mich ein wenig auszuführen. Die Selfie-Stange ist ein Phänomen, das ich noch für mich verarbeiten muss. Kürzlich habe ich auch eine im Real Life sehen dürfen. Bisher kannte ich sie nur aus dem Internet.

Ich fotografiere selber ganz gerne mit, man möge mich für altmodisch halten, einem Fotoapparat. Dieses Selfiephänomen allein schon kann ich, aber auch hier bin ich wohl zu rückständig, irgendwie nicht nachvollziehen. Vielleicht fehlt mir auch einfach die Facebook-Timeline dafür. Wofür die gut sein soll, weiß ich leider auch nicht. Meine Befürchtung ist, dass den Facebookern das Leben abhanden kommt. Leben heißt für mich er-leben. Dieses Erleben wird aber erst real, wenn es ausgestellt und im Netz geteilt, am besten noch gelikt ist. Das Ich somit durch ein Anderes bestätigt ist. Dieses Konstrukt ist philosophisch nichts Neues. Neu ist nur das Medium. Neu ist auch die Qualität der Positivität. Denn das Andere, das Fremde ist zunächst eigentlich nicht positiv, sondern eher befremdlich, um es tautologisch auszudrücken. Aber Facebook lässt diese Negativität nicht zu. Denn Negation ermöglicht keinen kommunikativen Anschluss. Nur das positive Like ermöglicht einen unproblematischen kommunikativen Anschluss, der so banal ist, dass der Begriff Kommunikation in diesem Zusammenhang ad absurdum geführt wird.

Dass die Reflexion durch ein Anderes (bei Facebook u.a.) ausschließlich positiv ist, zeigt womöglich eine stark narzisstische Störung unserer Gesellschaft auf. Die Selfie-Stange treibt diese narzisstische Störung nun in die Höhe – genau, in die Höhe. Die Selfie-Stange stellt in dieser freudschen Logik nichts anderes dar als einen erigierte Phallus. Wird es noch eine Steigerung dieser Entwicklung geben? Eine Steigerung der Symbolkraft ist kaum noch auszudenken.

Lieber Dr. Freund, wie interpretieren Sie das Phänomen Selfie-Stange?

Dr. Freund: Die Selfie-Stange stellt dem narzisstischen Subjekt der Postmoderne den erigierten Phallus zur Verfügung, der es ihm ermöglicht, sich selbst zu ficken.

Dieses postmoderne Subjekt, von dem Sie sprechen, wie haben wir uns das vorzustellen?

Das postmoderne Subjekt ist eine tragische Gestalt. Es ist insofern postmodern, weil das moderne Subjekt über sich hinaus gegangen war. Es hatte aus sich ein Pro-jekt gemacht, indem es Möglichkeiten genutzt hatte, sich selbst neu zu erfinden, sich selbst zu gestalten – immer wieder. Diese Selbstgestaltung erfordert Energie, die das postmoderne Subjekt nicht aufbringen will. Es ist im wahrsten Sinne ein Subjekt. Es ist ein Unterworfenes.

Wenn es, wie Sie sagen, Dr. Freund, unterworfen ist, muss es jemanden oder etwas geben, dem es unterworfen ist.

Es hat sich der ganzen digitalen Welt unterworfen, es sucht seine Bestätigung durch das Internet. Es kann sich zwar selbst ficken, aber es braucht jemanden, der es dabei beobachtet, der es dabei wahrnimmt und dies auch kundtut.

Wie würden Sie dieses Phänomen bezeichnen?

Ich könnte es die Zuckerberg-Störung nennen. Aber ich habe mich in meinen Analysen dazu entschieden, es einfach die Z-Störung zu nennen.

Weil Sie es für den Abschluss der menschlichen Psychoanalyse halten?

Ja, so wird es wohl kommen. Wir befinden uns im Übergang in ein posthumanes Zeitalter. Die Menschheit, wie sie uns bekannt ist, bereitet sich darauf vor, mit der Technik zu verschmelzen. Das wird weitgehende Folgen haben, die wir noch nicht erahnen können, die aber dazu führen, dass der Mensch so nicht mehr existieren wird. Er wird sich gegenüber anderen Superintelligenzen behaupten müssen, gegenüber Künstlichen Intelligenzen. Er muss sich also selbst zu einer Superintelligenz weiterentwickeln oder er wird untergehen.

Das ist ein interessanter Punkt, aber ein anderes Thema, das wir auf einen anderen Zeitpunkt verschieben müssen. Ich danke Ihnen, Dr. Freund, für das Gespräch.

Und bis dahin sollten wir unseren Nietzsche mal wieder lesen. Ich danke Ihnen.

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