Wirtschaft muss kein Krieg sein!

Vor ein paar Wochen habe ich die App von finanzen.net auf meinem smarten Hosentaschencomputer installiert. Die beliefert mich täglich mit Nachrichten aus der Welt der Wirtschaften und Finanzen, unter anderem eine morgendliche Übersicht über die Top 10-Themen des Tages, genannt „10 vor 9“. Genau das Richtige morgens in der U-Bahn, wenn die Müdigkeit das Gehirn noch lähmt. So kann ich zwischen zwei Stationen ein wenig die Gesamtlage der Märkte im Auge behalten. Wenn man es aber doch schafft, die grauen Zellen in Schwung zu bekommen, bekommt man vor allem einen Einblick in die Psyche der Journalisten und Teilnehmer an den Finanzmärkten. Das müssen einfach harte Jungs sein. Oder zumindest halten sie sich für solche. Denn sie beschreiben das Geschehen vorrangig mit Kriegs-, Sport/Wettkampf- und Bergsteigermetaphern. (Die Firma X verteidigte ihre Vormachtstellung; der Übernahmeangriff wurde abgewehrt; Firma Y setzt sich an die Spitze…; das brachte die Aktie zum Absturz.) Manchmal auch mit Medizinmetaphern. (Die Firma Z hängt wie ein kranker Patient am Tropf der Geldgeber.) Denn zwar nicht in Weiß, aber für Götter halten sie sich zudem.

Aber was wollen sie bezwecken, wenn (am Dienstag) von einem Widerstand gegen den Terror am Aktienmarkt die Rede ist? Die Märkte bekämpfen den Terror!? Nein, trotz der furchtbaren Terroranschläge geraten die Aktienmärkte nicht in Panik, sondern fallen nur leicht. Die Märkte behaupten sich. Aber ganz ehrlich: mir doch egal! Ich habe noch immer nicht ganz realisiert, was da passiert ist. Und dann noch gleich einer oben drauf mit der Absage des Fußballländerspiels am Dienstagabend.

Reicht es diesen Journalisten nicht, durch ihren Stil ihren Beitrag dazu beigesteuert zu haben, dass sich unsere Wirtschaft zu einem unkooperativen Haifischbeckenkapitalismus entwickelt hat? Zu welcher Bedeutungslosigkeit stufen sie mit ihrer Schreibe die Terroranschläge vom Freitag in Paris herab, wenn für sie Wirtschaft Krieg ist? Was gibt es schlimmeres als Krieg? Menschen töten Menschen. Systematisch und mit voller Absicht.

Gewisse Arbeitsbedingungen treiben tatsächlich Menschen in den Tod. Aber gerade dies sollte Anlass genug sein, etwas zu ändern. Der Wirtschaftswissenschaft, wie sie gängig gelehrt wird, liegt ein Missverständnis zu Grunde. Es reicht nicht, Wirtschaftswissenschaft wie Naturwissenschaften zu betreiben. Es geht nicht darum, ein Naturphänomen zu beschreiben. Wirtschaftswissenschaft kann nicht allein deskriptiv sein, sie muss auch normativ sein. In ihr muss es darum gehen, Normen und Regeln für vernünftiges Wirtschaften zu erarbeiten. Wirtschaft ist immer auch moralisch. Es liegt also an uns zu bestimmen, wie wir miteinander wirtschaften. Wirtschaft ist immer ein Miteinander. Kann nur miteinander.

Sprache kann so machtvoll sein und die Wirklichkeit verändern. Wie könnte eine Wirtschaft sich entwickeln, in der und über die kooperativ kommuniziert wird?

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