Wie der Hedgefondsmanager seine Boni selbst erschaft

Gestolpert bin ich – über einen ziemlich interessanten Aufsatz. Ja gestolpert muss man schreiben, fast wäre ich dabei hingefallen. Zumindest habe ich ihn stotternd gelesen. In poststrukturalistischer Tradition lässt er ungeahnte Tiefe vermuten. Armen Avanessian, der aktuellen Popstar der Feuilleton-Philosophie, schafft das Paradoxon, in der Beschleunigung des Kapitalismus, Kapitalismuskritik zu artikulieren.

Aus Sich der Praxis an den Finanzmärkten lässt sich seit den frühen 1970er Jahren eine Entwicklung erkennen, die nicht nur zu einer Beschleunigung der Antizipation von Zukunft in Form von Preisen führte. Vielmehr hat im Dreiecksverhältnis Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft die Chronologie an den Finanzmärkten ausgedient. Die neue finanz-spekulative Zeit geht von der Zukunft aus, indem sie die Gegenwart in einen Raum zukünftiger Gegenwart und einen Ort gegenwärtiger Zukunft verdoppelt, die sich in Schleifen aufeinander beziehen. Aus dem Ort der gegenwärtigen Zukunft (dem Markt) werden „Lassos“ in den Raum der zukünftigen Gegenwart geworfen, um den „Bullen“ oder den „Bär“ zu fangen. (Armen Avanessian in seiner Einleitung zu Making of Finance, 2015)

Was will uns der Autor damit sagen? Klar, an den Finanzmärkten wird die Zukunft gehandelt – mit Hilfe von Optionen, Futures und anderen Derivaten. Aber war das nicht immer schon so? Spiegelt nicht auch der Wert einer Aktie die Erwartung an die Zukunft wider? Niemand würde eine Aktie von einem Unternehmen kaufen, von dem man weiß, dass es in den nächsten Jahren mit ziemlicher Sicherheit pleite sein wird.

Auch ohne Derivate  ließen sich Bären fangen (also Gewinne bei fallenden Kursen machen). Dazu muss man sich nur eine Aktie von jemanden leihen, die sofort verkaufen und dann, wenn sie billiger geworden ist, zurückkaufen, um sie an den Eigentümer zurückzugeben. Das nennt man Leerverkauf. (Tschuldigung, wenn ich mit diesem Link als Finanzwelt für Dummies rüberkomme. Ist der Materie der Sache geschuldet.)

Was die Derivate tatsächlich ändern, ist nicht unbedingt die Zeit, sondern vielmehr Inflation. Sie beschleunigen die Inflation. Sie verdoppeln nämlich nicht die Gegenwart, sondern sie multiplizieren Geld. Ohne die Abkopplung des Geldes vom Goldstandard wäre das nicht möglich gewesen. Derivate simulieren irgendwelche Werte. Und durch die Simulation wirken sie auf die reale Welt zurück und schaffen tatsächliche Werte – nämlich die Boni von den Hedgefondsmanagern. Und dank der Aufkündigung von Bretton-Woods können die Zentralbanken genügend Geld nachdrucken, um mit dieser Entwicklung Schritt halten zu können. Ach ja, und auch ihre eigenen Boni zu zahlen.

Aber nehmen wir das Zitat beim Wort. „Gegenwärtige Zukunft“: Sollte klar geworden sein, dass wir in der Gegenwart zukünftige Erwartungen handeln, die sich im gegenwärtigen Preis widerspiegeln. Zweitens „zukünftiger Gegenwart“: Ich handel (kaufe oder verkaufe) jetzt, also in der gegenwärtigen Zukunft, um in der Zukunft, also in der zukünftigen Gegenwart, Gewinne zu erwirtschaften.

Was will uns also der Künstler, Meister der Wortakrobatik, damit sagen?

In derselben Kunst werden die Boni generiert, die die einkommenstärksten 1%-2% der Weltbevölkerung erhalten.

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