Für ein qualitatives Wirtschaftswachstum – oder: mehr Liebe im Leben

Dass man durch ehrliche Arbeit nicht (mehr) reich werden kann, ist klar. Reich kann man eigentlich nur noch werden, wenn man schon reich ist. Denn die Kapitalrendite ist langfristig betrachtet deutlich höher als das Wirtschaftswachstum. Das hat eindrucksvoll Thomas Piketty in seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert aufgezeigt. Wer hat, dem wird gegeben, ist das Motto.

Aber auch der kleine Sparer kann mit seinem kleinen ersparten Kapital nicht reich werden – bei der aktuellen Zinslage sowieso nicht mehr. Die Pforten zu den Geldanlagemöglichkeiten, die wirkliche Renditen versprechen, sind ihm verschlossen. Denn die Eintrittskarte zu einem Hedgefonds beispielsweise ist zu teuer. Aber die Jungs habens wirklich drauf. Die haben die Macht, ganze Staaten in den Bankrott zu treiben, nicht irgendwelche Ministaaten oder Bananenrepubliken, sondern ich meine Argentinien. Immerhin das größte spanischsprechende Land der Welt, mit dem besten Fußballer der Welt – die Hand Gottes darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, auch wenn die jetzt dicke Uhren Trägt. 2001 war Argentinien Land bereits pleite. Aber hat sich mit seinen Gläubigern auf einen Schuldenschnitt geeinigt, weil es seine Schulden nicht mehr zurückzahlen konnte. Ein paar Hedgefonds haben aber Schuldpapiere, die eigentlich kaum noch was wert waren, gekauft und auf die Rückzahlung der vollen Summe gepocht. Der Streit dauert bis heute an. Die ehemalige Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hatte sich geweigert mit diesen „Aasgeiern“ zu verhandeln. Der heutige Präsident, Mauricio Macri, hat nun ein neues Angebot auf den Tisch gelegt. Das verspricht auf jeden Fall eine Rendite im dreistelligen Bereich! Also ein paar 100%. Auf meinem Tagesgeldkonto bekomme ich nichtmal 1%.

Positive Sparzinsen sind sowieso noch viel zu viel, behauptet beispielsweise Dr. Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, in einer Rede vom letzten Jahr.  Besser noch dafür bezahlen, dafür, dass mein sein Geld der Bank anvertraut. Also negative Zinsen. Negative Zinsen. Das bedeutet, wer spart, dem wird genommen, sofern er nicht heuschreckenartig sein Geld anlegt. Niemand könne dann mehr sein Geld unterm Kopfkissen horten. Und eben auch nicht mehr im Namen des Terrorismus investieren, wie es seit anfang der Woche in der Diskussion ist. Als ob Terroristen keine alternativen Möglichkeiten finden würden. Bei all der Diskussion vergisst man die soziale Bedeutung des Bargelds. Austausch von Bargeld ist immer auch eine Art der Kommunikation. Dort wo direkt gehandelt wird, herrscht kein Krieg.

Aber haben wir nicht ganz andere Probleme? Der DAX ist unter der Woche unter die magische Marke von 9.000 Punkten gefallen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als diese bei 2.000 Punkten lag. Ja, so alt bin ich schon. Aber hey, das war in den 90ern. Sind die nicht gerade wieder in? Erst neulich sind mir zwei Schulmädchen entgegengekommen, die angezogen waren wie die Mädels damals zu meiner Schulzeit, die für Axl Rose schwärmten, heute nur glatter, nur oberflächlicher. Kopien meiner Vergangenheit. Karohemd, Nike-Air-Schuhe. Sind aber Pop. Was ihnen fehlt ist der Grunge. Fehlt dem DAX der Grunge? Heute nur Attitüde. Kein Schmerz eines Curt Cobain. Hört euch die Charts an: Lieber Wolke 4, damit man nicht so tief fällt. Und so tief ist der DAX nun eben auch nicht gefallen.

Auch wenn jetzt veröffentlicht wurde, dass die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal 2015 nur um 0,3% wuchs. Um den Kreis zu schließen: Wir müssen uns von diesem Wachstumsfetischismus verabschieden. Langfristig gesehen gab es noch nie ein wirklich höheres Wachstum. Auch das hat Thomas Piketty aufgezeigt. Wo wollen wir denn noch hin wachsen? Die Bevölkerung wächst doch auch nicht mehr. Gut, Zuwanderung erstmal ausgenommen. Wir haben doch alles. Lasst uns lieber qualitativ wachsen, statt immer nur auf das quantitative Wachstum zu schauen. Wie wäre es mit einem Wachstum wirklicher Lebensqualität? Wie wäre es mit einer 30-Stunden-Woche? Dann könnten wir mehr Zeit und Qualität in Liebe investieren. Sonntag ist Valentinstag.

 

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