Die neuen 90er: der verlorene Grunge

Da kommen sie mir entgegen: auf ihrem Weg zur Schule. Kopien meiner Vergangenheit. Karohemd (gerne um die Hüfte gebunden), schäbige T-Shirts, Nike Air-Max. Machen einen auf Grunge. Sind aber Pop.

Erst dachte ich, oder hatte es gehofft, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handele. Denn ich konnte es nicht für möglich halten. Aber es hält an. Heute erst wieder zwei Mädchen/junge Frauen, die angezogen waren, wie die Mädchen damals an meiner Schule, die für Axl Rose schwärmten. Der singt jetzt bei einer der ältesten Bands der Welt, nachdem er gerade erst seine eigene Altcombo zusammengeführt hat. Immerhin hat er pünktlich zum Deutschlandauftakt den Rollstuhl verlassen können. Musik für Leute, die sich gerne daran erinnern, wie sie dagegen waren, heute aber die Mitte bilden.

Die Mädels sind heute glatter, nur noch Oberfläche. Was ihnen fehlt ist der Grunge, also der Dreck. Es ist nur noch Attitüde. Kein Schmerz eines Kurt Cobain. Hört euch die heutigen Radiomusik an: Lieber Wolke 4, damit man nicht so tief fällt. Bloß nicht anecken, kein Risiko. Geht direkt durch den Durchschnitt. Es fehlen die Höhen und die Tiefen.

Musik hat heute im Übrigen sowieso keinen gesellschaftskritischen Charakter mehr. Früher, als alles besser war, wie jede Generation von ihrer Jugendzeit behauptet, war Musik Rebellion gegen das Bestehende. Und heute? Jazz wird vom Bildungsbürgertum rezipiert. Rock ist nur noch eine ferne Erinnerung an Zeiten, als Rock noch Sex and Drugs war. Hip-Hop ist heute Pop. Techno war schon immer nur Pop. Selbst Punk verkommt zur Attitüde. Der Kapitalismus hat sie alle eingefangen und weichgespült. Alles nur noch Kopien von nicht mehr vorhandenen Originalen. Selbst Axl ist nur noch die billige Kopie seiner Selbst. Die Kartenpreise dafür umso teurer. Es sind sowieso alle nur noch im Spiegel ihrer eigenen digitalen Selbstinszenierung und Selbstoptimierung gefangen. Das Leben wird zur Feedbackschleife. Der Circle, wie es Dave Eggers vortrefflich beschrieben hat, hat sich fast geschlossen.

Im Café sitzt dieser zynische Typ, der seine Club-Mate durch den Strohhalm schlürft. Er nimmt selbst seinen Zynismus nicht mehr ernst, veralbert die Ironie, weil er nicht Gefahr laufen will, Hipster zu werden. Seine Hipster-Freundin bestellt einen Latte Macchiato mit Sojamilch. Sie gibt sich so ironisch, nimmt ihren Kosmos aber einfach viel zu ernst. Ihr Frau-Werden erst wird sie wahre Ironie lehren. Allen, die mir jetzt Manplaining vorwerfen, kann ich nur schreiben: q.e.d. Denn euch fehlt der Grunge.

Ein Kommentar zu „Die neuen 90er: der verlorene Grunge

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  1. Ich kann dir vollkommen recht geben. Bei uns in der Klasse haben wir 2 Mädels, die versuchen diese Attitüde anzunehmen, allerdings haben sie keine Ahnung von der Musik, etc. sondern verkörpern Grunge nur mit ihren Anziehsachen.
    Was mir in deinem Beitrag jedoch etwas fehlt ist, dass du darauf eingehst, dass nicht alle so sind. Ich selber denke z. B., dass einige meine Freunde und ich sehrwohl Grunge verkörpern, vielleicht nicht so extrem wie damals, aber wir hören irgendwas zwischen punk-roch und indie roch. Klar sind das oft auch andere Bads als damals, aber die Zeit bleibt ja auch nicht stehen. Und wir laufen auch mal mit dr martins und durchgelatschten Schuhen rum. Meine Strumpfhosen haben alle Laufmaschen und meine Lieblingsanziesachen sind ausm Second Hand Laden oder vom Flohmarkt.
    Und ja, wir ecken andauernd an

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