Rechte Linke

Nachdem Joachim Gauck angekündigt hat, für eine zweite Amtszeit nicht zur Verfügung zu stehen, hat fast schon der Bundeswahlkampf begonnen. Denn in der SPD werden Stimmen laut, einen eigenen Kandidaten und keinen Große-Koalition-Kandidaten aufzustellen. Bei ZEIT ONLINE war zu lesen: „Die linke SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis wünscht sich explizit eine Kandidatin, die die Abstiegsängste der Deutschen thematisiert.“Die Linke ist nur noch eine selbsternannte Linke, denn mittlerweile ist sie zur rechten Nationallinken verkommen. Denn zuerst uns. Und dann den anderen ein paar Krumen zuwerfen – fürs schlechte Gewissen.

Die Linke vertritt nach meinem Verständnis die Interessen, der Arbeiterklasse, also historisch betrachtet – bezogen auf das Einkommen – eher einkommensschwache Schichten. Das ist mittlerweile aber eine überholte Beschreibung der Linken. Denn häufig befinden sich auch Akademiker in prekären Arbeitsverhältnissen. Wohingegen Handwerksmeister über relativ hohe Einkommen verfügen können. Zutreffend wird die Beschreibung erst wieder, wenn man einen globalen Blickwinkel einnimmt. Dann vertritt die Linke die Interessen der Women of Color. Die Linke müsste also eine globale, sich über Nationen hinwegbewegende Bewegung gegen Rassismus und für Feminismus sein. Ist sie aber nicht.

Die selbsternannte Linke hat aber vielmehr den weißen, männlichen Monteur im Blick, der das Recht haben soll, sich alle zwei Jahre einen neuen Fernseher, zusammengeschraubt in fernen Ländern von Women of Color, zu kaufen. Damit macht sich die Linke zum Büttel des global agierenden Kapitalismus. Und zwar deswegen, weil sie es selbst nicht schafft, global zu denken. Sie muss den Mut besitzen, ihren Wählern die Wahrheit zu sagen. Dass sie nämlich privilegiert sind. Ökonomisch betrachtet sind alle Bürger der EU privilegiert. Schaut nach Afrika! Schaut nach Asien! – Und ihr seht echtes Leid.

Ich will niemandem den Spaß an der Fußball-EM nehmen – ich verfolge sie dank meines Schizo-Seins selbst –, aber alles Denken, dass sich durch Ländergrenzen einschränken lässt, läuft Gefahr, nationalistisch und damit rechts zu werden.

Die Links/Rechts-Unterscheidung ist vielleicht auch einfach überholt. Links und Rechts treffen sich an den Endpunkten wieder, wie ein geschlossener Kreis. Wir müssen lernen, anders zu denken. Ganz simpel gedacht, kann man zwischen unten und oben unterscheiden. Global gesehen sind wir in Deutschland alle oben.

Die europäischen Wohlfahrtsstaaten lassen es, so gesehen, allen Europäern gut gehen. Was sie ihnen dafür nehmen, ist ihre Würde, wenn Hartz IV-Empfänger ihre Privatsphäre aufgeben müssen, um keine Leistungskürzungen zu befürchten. Wenn man es mit seinem Arbeitseinkommen nicht schafft, sich und seine Kinder zu versorgen. Wenn Manager das 50-Fache wie einfache Angestellte verdienen, läuft es aus dem Ruder. Dies müssen die Themen der Linken sein. Nicht die Abstiegsängste der Deutschen. Mit ihren Ängsten sollen sie zum Psychologen gehen, der ihnen sagen kann, dass sie einer Illusion erliegen.

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