daneben

Es war einer dieser Morgen, wie sie immer sind. Schlecht geschlafen und wieder viel zu früh aufgewacht, machte ich mich auf den Weg ins Büro. Die Sonne noch nicht aufgegangen, würde aber sowieso nicht scheinen, weil es natürlich regnete. Die Bahn viel zu voll. Ich bekam noch einen der letzten Plätze. Wie konnte man um diese Uhrzeit Red-Bull trinken? Wie konnte man überhaupt so ein Kaugummigesöff trinken? Ich wollt ihn nicht fragen. Aber ich saß viel zu nah an ihm dran, sodass es eine Zumutung für meinen Geruchssinn war. Und warum können die Menschen morgens nicht einfach die Klappe halten?

Eine Frau, die ebenfalls viel zu nah saß, als dass ich sie überhören könnte: „Das ist wirklich unglaublich. Ich verstehe nicht, wie man sich so verhalten kann. Also ich schicke meine E-Mails nur noch mit der Soundso in cc.“

Eine Kollegin von ihr: „Das mache ich sowieso. Von alleine kommt da ja gar nichts.“

Die Frau: „Ist nicht nachvollziehbar. Wie kommt das?“

Die Kollegin: „Keine Ahnung. Aber das geht schon ewig so.“ (Ich könnte das jetzt fortsetzen, werde aber nicht für Worte bezahlt.)

Interessiert mich alles nicht. Interessiert das irgendjemanden? Mich nervt es.

Aber im Büro erwartet mich nichts anderes. Belangloses. Ich hatte keine Lust. Beim Aussteigen aus der Bahn trat ich neben den Bahnsteig oder treffender: Ich trat neben die Welt. Und verschwand in einem großen schwarzen Nichts. Dieser Zustand hielt für einen Augenblick an, der sich wie eine zeitlose Blase anfühlte, ehe ich in einem Negativ der Welt auftauchte. Ich konnte nicht sagen, wo oben und unten war. Links war rechts. Und rechts war links. Zunächst stieß ich mich permanent, keine Ahnung, wodran, aber es war auch egal, der Schmerz schien ebenfalls eine Umkehr seiner selbst zu sein – trotzdem unangenehm. Nach einiger Zeit, die hier irgendwie bedeutungsloser war, konnte ich mich orientieren. Am Himmel flog ein Schwarm Wale vorbei. Anmutig glitten sie durch die Luft, die hier dicker war.

Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts ein weißes Kaninchen auf, zog aus seiner Weste einen Zylinder und steckte mich wortlos, als ob Kaninchen sprechen könnten, hinein. Keine Ahnung, wieviel Zeit ich in diesem Zylinder verbrachte. Aber als das Kaninchen mich wieder hervorzog, hatte ich einen lange graue Haare und einen langen ebenfalls grauen Bart.

Das kleine Kaninchen setzte mir, ohne dass ich erklären könnte, wie es das anstellte, aber der Raum schien eine besondere Krümmung zu haben, die unmögliche Proportionen ermöglichte, den Zylinder auf den Kopf, drückte mir einen Zauberstab in die Hand und sagte: „Geh und verbreite Magie!“ Daraufhin blies es sich auf, stieg empor, platzte und verwandelte sich in einen Konfettiregen.

„Warte!“ rief ich ihm nach. Aber das Kaninchen war weg. Erst da bemerkte ich eine Tür, die mitten in der Mitte stand. Ich ging herum. Ich öffnete sie von der einen Seite, schloss sie wieder und öffnete sie von der anderen Seite. Ich konnte keinen entscheidenden Unterschied erkennen. Türen sind dazu da hindurchzugehen, dachte ich mir und ging hindurch. Raus kam ich aus der Tür der Bahn und trat auf den Bahnsteig. Ich schwamm in der Masse der Berufspendler. Niemand schien sich an meinem plötzlichen Erscheinen zu stören. Ich fragte mich, ob ich überhaupt weg gewesen war. Ich fühlte nach dem Zylinder. Er war noch da. Auch mein langer Bart und meine langen Haare waren noch da. Magie verbreiten?

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