Existenzialistischer Schizo-Vater oder: vom ständigen Widerstandskampf gefangen im System

Dass es nicht einfach sein würde, Vater zu sein, war vorher klar. Gut, hängt auch ein wenig von Zufällen ab, wie sich das Kind entwickelt, wie oft man mit ihm ins Krankenhaus muss usw. Aber wenn man ein reflektiertes Leben führt, kann es zu Konflikten führen, die an der Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz kratzen. Nicht ohne Grund fallen so viele Eltern, wenn die Kleinen aus dem Gröbsten raus, also aus dem Haus sind, in eine midlife crisis.

Aber wie kann ein Leben mit Kind sinnlos sein, mag man sich fragen. Gerade das Kind bringe doch einen neuen Sinn ins Leben. Blabla, antworte ich. Welcher Sinn soll das sein. Jemanden groß ziehen, der seinen Sinn darin finden kann, jemanden groß zu ziehen, dessen Sinn es sein wird, jemanden groß zu ziehen. Das führt doch zu nicht.

Ich stelle ganz klar fest: Mein Leben ist sinnlos. Denn ich bin Atheist. Gleichzeitig ergeben sich unendliche Möglichkeiten. Jean-Paul Sartre, der König der Caféhäuser, hat seine Philosophie des Existentialismus auf mehr als tausend Seiten dargelegt. Der Kern lässt sich folgendermaßen kurzfassen: Beim Menschen kommt die Existenz vor der Essenz. D.h. der Men

Widerstandskämpfer mit Fahne und Schnuller

sch ist durch kein Wesen vorherbestimmt. Zunächst ist er einfach, ohne etwas bestimmtes zu sein. Der Mensch entwirft sein Wesen und damit das des Menschen im Allgemeinen in seinen konkreten Handlungen. Der Mensch kann durch sein Handeln selbst bestimmen, was er und damit die Menschheit sein soll. Diese Auffassung verlangt uns viel ab. Denn niemand kann sich demnach auf irgendetwas berufen, auf keinen Gott, auf keinen Herrscher. Jeder Mensch ist für sein Leben und seine Handlungen selbst verantwortlich. Und nicht nur das. Jeder ist zugleich für die Bestimmung der gesamten Menschheit verantwortlich. Denn indem ein Einzelner sein Leben lebt, entwirft er damit zugleich das Wesen des Menschen.

Mit der Entscheidung Eltern zu werden, entwirft man sich in einer ganz einschneidenden Weise. Denn das Eltern-Sein kann im Widerspruch zu ganz anderen Lebensentwürfen stehen. Man übernimmt als Eltern die Verantwortung für das leibliche und seelische Wohl des Heranwachsenden. Das kann eben zur Folge haben, dass man sich im Widerspruch politischer Überzeugungen und familienweltlichen Ansprüchen wiederfindet.

Konkret auf meine Situation angewendet: Politisch überzeugt, dass unser jetziges System ungerecht ist, muss ich mich mit ihm arrangieren und kann es nicht zur Gänze ablehnen, weil ich, ganz einfach, Geld verdienen muss. Zusätzlich bin ich davon überzeugt, dass man sein Kind zur Mündigkeit erziehen muss. Das eigene Kind soll im Heranwachsen immer autonomer über den eigenen Lebensentwurf entscheiden. Das setzt voraus, dass ihm möglichst viele mögliche Lebensentwürfe zugänglich gemacht werden müssen.

Somit können wir als Eltern das System nicht radikal ablehnen und als Aussteiger leben, weil wir dann unser Kind einschränken würden. Das widerspräche wiederum meiner demokratischen Grundüberzeugung.

Eltern sein bedeutet, Kompromisse im eigenen Lebensentwurf einzugehen.

Ich komme insofern der Forderung des Existentialismus nach Authentizität nach, weil ich mich nun mal für ein Leben als Vater entschieden habe. Eltern sein heißt, in Widersprüchen leben. Widersprüchlich zu leben heißt aber nicht, dass man nicht authentisch ist. Die Authentizität besteht vielmehr im Widerspruch. Damit muss ich mich arrangieren und Tag für Tag diese Widersprüche aushalten. Manch einer mag daran zerbrechen. Andere werden dadurch stärker.

Jeden Tag müssen grundsätzliche Entscheidungen getroffen werden, die jeden Tag meine Existenz neu definieren.

Eine existenzielle Frage für lautet: Wie komme ich als Teil des Finanzsystems (als Angestellter dieses) klar, wenn ich es doch auf der anderen Seite ablehne? Kann ich mich als Parasit des gleichen definieren, der sich vom Finanzsystem aushalten und ernähren lässt, bis es überholt ist? Oder bin ich als Teil des Ganzen mit verantwortlich für die Ungerechtigkeit in der Welt? Kann gleichzeitig Verursacher der Ungerechtigkeit sein und sie dennoch, weil man ja Schizo ist, bekämpfen? Vater sein heißt Schizo sein.

In meiner Nische des Finanzsystems, in der ich mich eingerichtet habe, ist es sehr wohlig. Sie ermöglicht es mir, meine Vaterrolle familienfreundlich auszufüllen. Das mag eine Ausnahme und für dieses System ungewöhnlich sein; ist aber so. Insofern ist es eine gute Nische. Auf der anderen Seite ist es eben eine Nische im Finanzsystem, das ich immer wieder kritisiere. Erlaubt es mir diese Kritik, mich von dem System aushalten zu lassen? Man ist immer Teil des Systems. Und ich befinde mich hier hinter der Linie des Widerstandskampfes. Nur wenn man sich dort befindet, kann man für wirkliches Rauschen des Finanzsystems sorgen.

Das Finanzsystem, als Teilsystem des Wirtschaftssystems, operiert, wie alle sozialen Systeme, in Kommunikation. Das Medium des Wirtschaftssystems ist Geld. Die kommunikative Operation die Zahlung/nicht Zahlung. Das Finanzsystem unterscheidet sich insofern vom Wirtschaftssystem, als dass der Produktionsprozess egal ist. Der Finanzoperateur ist kein Kapitalist im klassischen Sinne. Er setzt Geldkapital ein, um, auf einer abstrakteren Ebene, Warenkapital zu erhalten, das irgendwie auf Produktionsprozesse referiert.

Der Kampf hinter der feindlichen Linie besteht darin, die Referenz auf die Produktionsprozesse, für die das Finanzsystem blind ist, sichtbar zu machen und für ein Rauschen in den Kommunikationsprozessen, also in den Zahlungsströmen, zu sorgen. Auf diese Weise, um systemtheoretisch fortzufahren, können Subsysteme, die nicht oder nur vage strukturell gekoppelt sind, stärker miteinander gekoppelt werden. Beispielsweise könnte eine strukturelle Koppelung zwischen dem Wirtschaftssystem und den Moralsystem hergestellt werden, sodass auf Ungerechtigkeiten, die das Wirtschaftssystem erzeugt, hingewiesen werden, um die Entwicklung des Wirtschaftssystems in eine andere Richtung zu lenken.

Eine prototypische Schizo-Arbeit. Denn einerseits muss das System am Laufen gehalten werden, andererseits muss ein Rauschen, also eine Irritation, erzeugt werden, um Verbindungen herzustellen, die das System sonst nicht herstellen würde. Mein täglicher Kampf als existenzialistischer Schizo-Vater.

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