Bekenntnisse eines Teilzeitvaters

Gleichberechtigung ist nicht gleich Berechtigung, rappten schon Fettes Brot in den Neunzigern. Dass Mann ein ganzer Mann sein kann, ohne gleich Revierpisser sein zu müssen, war für mich schon immer eine Selbstverständlichkeit. Dass, wenn Mann dies dann familiär lebt, dies auf gesellschaftliches Unverständnis stößt, ernüchternd.

Als wir Eltern geworden sind, war meine Frau selbstständig – mit ein paar Angestelltinnen. Nachdem sie in meinem Kopf die letzten Mauern eingerissen hatte, bin ich zum Chef und habe meinen Wunsch kundgetan, nur noch in Teilzeit arbeiten zu wollen. – Abgelehnt!

Eineinhalb Jahre später: neuer Chef, selber Wunsch. Und siehe da: geht doch.

Und ich bereue nichts. Es geht uns allen besser. Meiner Frau, die seit dem mit weniger Bällen jongliert. Mein Sohn hat einen Vater, der nicht erst zum Gute-Nacht-Sagen nach Hause kommt. Und mir, der werktags Zeit mit der Familie verbringt, sodass ich, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, am Wochenende auch mal Zeit ohne die Familie verbringen kann.

Immer wieder bekomme ich zu hören, wie toll das sei. Alle beneiden mich. Sie könnten das aber nicht. Geht ja nicht. Und das Geld.

Richtig, die Bilanz muss ausgeglichen bleiben. Weniger Einnahmen bedeuten, die Ausgaben müssen gekürzt werden. Aber da finden wir uns bereits am Kernpunkt der Kritik angekommen. Mein Leben soll sich nicht in einer Bilanz abbilden lassen.

Der Mensch wird frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Die Ketten sind heute noch durchsichtiger als zu Rousseaus Zeiten. Können wir überhaupt frei sein? Müssen wir uns nicht immer in Abhängigkeit begeben? Als soziales Wesen leben wir immer in gegenseitigen Abhängigkeiten.

Wirklich frei waren doch nur die Herrscher, die Sklaven für sich arbeiten ließen und von dem leben konnten, was ihr Eigentum, ihr Grund und Boden, ihr Vieh und die Arbeit ihrer Sklaven hervorgebracht haben. (Gut, hat Hegel mit seiner Dialektik von Herr und Knecht auch widerlegt.) Das aber ist Freiheit auf Kosten anderer. Heute ist es noch einfacher: Das Kapital erwirtschaftet auf den Finanzmärkten eine Rendite, die immer schon höher war als die Rendite der eigenen Arbeit, weshalb es stimmt, dass der Teufel immer auf den größten Haufen kackt. Wer hat, dem wird gegeben. Und wer arm ist, bleibt verdammt noch mal arm und begibt sich in die Abhängigkeit von einem Arbeitgeber oder als Freelancer in die Abhängigkeit von dem Wohlwollen seiner Kunden.

Wer überschuldet ist, zu dem kommen die Geldeintreiber. Und dann wird es körperlich. Schulden werden mit Gewalt eingetrieben. Gewalt gegenüber deinem Körper. Am Ende gehört ihnen dein Körper und sie zwingen dich zur Prostitution. Bitch! Wer keine Bitch ist, lässt sich in der Öffentlichkeit nur verschleiert blicken. Denn die Sittsamkeit der Ehefrau/Tocher ist eine Frage der Ehre. Aber wer ist hier die Hure? Die Frau, die sich ihren Umgang selbst aussucht, oder die Frau, die unter der Herrschaft des Herren des Hauses steht?

Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Das Geld ist in der Welt. Und das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Aber der Umgang damit lässt sich ändern. Der Staat, momentan Schuldeneintreiber derjenigen, die besitzen, muss zu dem werden, was er kann. Die Institutionalisierung des sozialen Wesens, das wir alle zusammen bilden (und nicht nur der Kapitalistenklasse). Die Aufgabe des Staates kann es sein, alle mit der (ökonomischen) Freiheit auszustatten, die es einem ermöglicht, den Arbeitgebern gegenüberzutreten, ohne vor Unterzeichnung eines Arbeitsvertrags bereits in einem Abhängigkeitsverhältnis zu stehen. Das soziale Wesen könnte alle bedingungslos mit einem Einkommen ausstatten, das es einem ermöglicht, frei von Zwängen zu sein.

Oh, ich höre schon wieder all die Stimmen. Wer geht denn dann noch arbeiten? Na, alle, denen ihre Arbeit Spaß macht, und die, denen das Einkommen nicht reicht. Arbeitsplätze müssten attraktiver werden. Unbeliebte Jobs müssten besser bezahlt werden. Attraktive Jobs würden vielleicht schlechter bezahlt. Und die, die gerade nicht arbeiten wollen, sollen doch zu Hause bleiben, denn sie wären sowieso unproduktiv.

Ich würde vielleicht in den Sommermonaten, sofern die Sonne scheint, zu Hause bleiben.

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