Sprache und Geld

Im Anfang war das Wort. So beginnt das Evangelium nach Johannes. Dies soll keine Bibelexegese werden. Aber der Satz ist so stark und von so kultureller Bedeutung, dass man fast jede gesellschaftliche Beschreibung damit beginnen könnte. Denn mit und vor allem in der Sprache, in der Kommunikation beginnt die Gesellschaft. So wie Gott allein mit der performativen Kraft der Sprache die Welt erschafft, entsteht auch in der Kommunikation die Gesellschaft. Um das zu begreifen, muss man sich mit dem Begriff der Kommunikation nicht mal großartig etymologisch auseinandersetzen, was ich dann hier auch nicht will.

Und so war es auch die Sprache, die Geld zu dem gemacht hat, was es ist. Geld – in seiner frühen Münzform, in seiner Papiergeldform, bis hin zu seiner digitalen, immateriellen Form – ist nichts anderes als Ausdruck eines Kommunikationsprozesses. Geld ist Symbol. Und damit mehr als ein Tausch- und Kompensierungsmittel. Geld drückt immer etwas aus. Mit Geld kommuniziert man. Mit Geld kann man auch sich ausdrücken, indem man beispielsweise demonstriert, was man sich leisten kann. Aber erst die performative Kraft der Sprache macht Geld zu Geld. Ohne die Zauberformel, die die Herren des Geldes aussprechen – und es sind tatsächlich fast ausschließlich Männer -, wäre ein Geldschein einfach ein bedrucktes Stück Papier.

Aber ohne dass wir nicht an diesem Zauber glauben wollten, würde er nicht funktionieren. Wir wollen in den Bann des Zaubers gezogen werden. Wie ließe er sich sonst erklären? Oder wie sollte es funktionieren, wenn wir mit ein paar Einsen und Nullen, die irgendwo in der Cloud gespeichert sind, ein Haus, ein Auto und was sonst noch so kaufen können? Weil wir dran glauben. Und weil die Wächter der Zentralbank sagen, dass es funktioniert.

Der Big Maple Leaf

Vielleicht haben Sie darüber gelesen. In der Nacht zum Montag, den 27. März 2017 wurde eine von fünf Versionen des Big Maple Leaf aus dem Bode-Museum in Berlin gestohlen. Eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze mit dem Konterfei der Königin Elizabeth II. Sie hat einen Nennwert von etwa 2 Millionen Euro.

Das Faszinierende ist nicht etwa der Diebstahl selbst, dessen Tatsache natürlich höchst spektakulär ist, sondern dass der Materialwert mit rund 3,8 Millionen Euro deutlich über dem Nennwert liegt. Die Diebe werden also durch einfaches Einschmelzen Wert schaffen.

Durch die Negation eines performativen Aktes entsteht ein Wert, den wir aber wiederum nur in Geld, also in einem Produkt eines performativen Aktes, messen können. Geld ist Geld ist Geld, ist die Formel in der sich der moderne Finanzkapitalismus beschreiben lässt. War die Entwicklung bei Marx noch von W-G-W‘ (Ware getauscht in Geld getauscht in Ware) hin zu G-W-G‘, worin sich die Entstehung des Kapitalismsus ausdrückt, haben wir jetzt die einfache Formel: G-G‘. Der Bezug zur realen Welt wird überflüssig. Der Finanzkapitalismus ist ein autopoietisches System geworden. Er ist völlig abgehoben, weshalb die Chefs auch immer im obersten Stockwert thronen.

Luhmann schizo lesen

Wieder einer dieser fast schon zur Normalität gewordenen wahnsinnigen Tage auf der Arbeit. Ich stemme mich dagegen, indem ich dem Wahnsinn durch meinen eigenen Wahnsinn entgegne: Schizo-sein. Von der Gesellschaft als Wahnsinn bezeichnet, weil sie sich nicht eingestehen will, dass Schizo-Sein die eigentliche Normalität ist. Was werden Jahr für Jahr für Therapiestunden abgehalten, um Identitäten herzustellen, wo keine sind. Und so halte ich es hier in meinem Büro auch nur aus, wenn ich ab und zu eine meiner sonst privaten Identitäten rausgucken lasse.

Hilfe bekommen wir bei Niklas Luhmann. Bei dem alten Verwaltungsbeamten, wird der eine oder andere Fragen. Dem Soziokybernetiker, dem zuweilen vorgeworfen wird, mit einem überschaubaren Schatz an Begriffen operierend inhaltsleere Theorie zu entfalten.

Ich glaube, ohne ihn gekannt zu haben, ohne etwas über ihn gelesen zu haben (außer dem Wikipediaeintrag über ihn), sondern nur ein paar seiner Texte gelesen zu haben, dass Luhmann ein cooler Typ war oder hätte sein können. An manchen Stellen seiner Texte schimmert ein Anklang von möglichem Humor durch. Allerdings traut Luhmann sich nicht, ihn wirklich raus zu lassen.

Was wir auf jeden Fall von der unglaublichen Produktivität Luhmanns und der Rezeption dessen lernen können, ist, die Schizophrenie der Gesellschaft zu erfassen. Denn in seiner Gesellschaftstheorie zeigt uns Luhmann auf, wie das ausdifferenzierte Gesellschaftssystem schizo ist. Wir sollten ihn dahingehend lesen.

Das Gesellschaftssystem Luhmanns Systemtheorie ist in mehrere funktionale System ausdifferenziert, die selbst in sich geschlossen sind, aber dabei gleichzeitig offen sind, indem sie nämlich ihre Umwelt, oder besser: ihre eigene Differenz System/Umwelt thematisieren.

Luhmann selbst behandelt die Systeme Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, Recht, Erziehung und Moral. Als jemand, der angestellt arbeitet – einen Beruf ausübt, wäre falsch ausgedrückt, dann müsste ich mich berufen fühlen –, besteht hier zunächst in irgendeiner Form Kontakt zum Wirtschaftssystem. Im luhmannschen Verständnis bin ich allerdings nicht Teil des Systems, weil die systemkonstituierenden Operation Kommunikation, oder genauer ausgedrückt: Zahlungen und Nichtzahlungen im Medium Geld, ist. Ich, also mein Bewusstsein, kommuniziere aber nicht im systemtheoretischen Sinne. Sondern in meinem Bewusstsein laufen andere Prozesse ab, die selbst auch ein autopoietisches System bilden.

Bitcoins & die neue Chance des Menschen

Bitcoins sind gerade in aller Munde. Die virtuellste aller Währungen eilt von einem Rekordstand zum nächsten. An der Rohstoffbörse in Chicago können in Kürze sogar Bitcoin-Futures gehandelt werden. Die Börse hat Bitcoins somit als Rohstoff klassifiziert. Der Kreis der Digitalisierung der Wirklichkeit beginnt sich zu schließen. Vom Tausch mit Rohstoffen über den Handel mit Geld & zur Entwicklung virtuellen Geldes hin zur Virtualisierung von Rohstoffen. Die Realität ist jetzt gänzlich überflüssig. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch der Mensch in diesem System überflüssig wird.

Kann man auch als Chance betrachten. Vielleicht können wir den Finanzkapitalismus einfach sich selbst überlassen. Soll er sich doch in seiner eigenen kleinen Virtualität einschließen. Wir können draußen bleiben und irgendetwas anderes machen.

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