Über die Urheberrechtsreform: das Scheitern einer Chance

Wegen der Reform des Urheberrechts ist in den letzten Wochen viel geschrien worden. Das Internet ist Amok gelaufen und hat seinen Protest ins Real Life getragen. Auch wenn ich nie verstehen kann, wie das Internet gegen etwas protestieren kann. Als ob die Nutzer mit einer Stimme sprechen. Aber diese Art der Berichterstattung entlarvt sich nur selbst – dass nämlich die Journalisten das Phänomen Internet nicht verstehen. Erschreckend in einer Zeit, in der das Digitale so einen großen Teil unserer Lebenswirklichkeit bestimmt. Aber dies soll nicht Thema sein. Jetzt, nachdem die Abstimmung über die Urheberrechtsreform gelaufen ist, ist es an der Zeit, sich zurückzulehnen und in Ruhe zu denken. Lasst die Emotionen abkühlen!

Grundsätzlich halte ich fest, dass es nicht verkehrt ist, die großen Internetunternehmen, wie Facebook, Google etc., in die Pflicht zu nehmen, die Urheber von (Kunst-)Werken zu schützen. Schließlich verdienen die Unternehmen mit dem Content ihrer User (der Satz ist stilistisch jetzt schon der Hammer) viel Geld. Aber die Diskussion bleibt an der Oberfläche. Es wurde versäumt, grundsätzlich zu werden. Die Frage lautet: Wer ist der Schöpfer eines Kunstwerkes? Kann es überhaupt einen individuellen Eigentümer geben? Mittlerweile schaffen selbst KIs (Kunst-)Werke. Ist die KI der Eigentümer? Oder der Programmierer der KI?

Niemand erschafft ein (Kunst-)Werk in einem luftleeren Raum. Nichts ist ein Ur-Werk. Jedes Werk baut auf einem anderen auf oder referiert auf etwas; jedes Werk ist durch etwas inspiriert. Genauso wie unser Geist nicht für sich allein denkt. Er bekommt immer Denkanstöße von außen, gibt Feedback uns so weiter, befindet sich in einem permanenten Austausch mit lebendigen Geistern (im Gespräch) oder auch toten Geistern, deren Gedanken unter anderem in ihren Büchern weiterleben. Teile meines früheren Geistes habe ich sogar bewusst ausgelagert: in mein Smartphone, das mir vieles abnimmt, worum ich mich früher noch selbst kümmern musste. Es ist also fraglich, ob Identitäten tatsächlich so eindeutig hergestellt werden können. Konsequent zu Ende gedacht heißt das, dass jedes Werk immer ein gemeinschaftliches Werk ist. Nur dass es immer jemanden gibt, der behauptet, es sei seins. Genauso wie der erste Landbesitzer behauptete, es wäre sein Land. Mit welchem Recht? Das bedeutet aber auch, dass der Künstler zum Medium degradiert wird. Zum Medium der Gemeinschaft. Ein Kunstwerk, welcher Art auch immer, sollte deswegen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Das soll die Arbeit der Künstler nicht weniger würdigen. Aber Würdigung ist etwas anderes als Monetarisierung. Die Kunst entzieht sich dem Kapitalismus. Vielmehr wird aufgedeckt, dass der Kapitalismus einer kunstliebenden Gemeinschaft nicht gerecht werden kann. Das Verhältnis von Kunst und Kapitalismus muss neu gedacht werden.

Auf Uploadfilter und damit auf den Vorwurf der Zensur kann also getrost verzichtet werden, wenn es kein Urheberrecht mehr gibt, das geschützt werden müsste. Alles sollte frei verfügbar sein.

Die sogenannten Youtuber sind zu sehr Kapitalisten und lediglich Rädchen einer großen Maschinerie, um sich solche Gedanken zu machen. Warum setzen sie sich überhaupt solchen zentralistischen Institutionen wie Youtube aus? Weil Likes generiert werden müssen, die in Geld umgetauscht werden sollen. Und die meisten Likes erhält man in einem zentralistischen System. Nur dass hier der Teufel weiterhin auf den größten Haufen scheißt.

Wenn schon das Ende des Internets schwarz an die Wand gemalt wird, sollte man sich fragen, ob es in der heutigen Form nicht schon längst Realität geworden ist. Aber man findet sie: die gallischen Dörfer – in weiterhin netzwerkartigen Strukturen – Rhizome. Beispielsweise Mastodon statt Twitter. Hier verflechten sich viele einzelne Netzwerke zu einem Geflecht.

Man kann dort keine Likes in Geld umtauschen. Aber in Freiheit, ohne Kontrolle durch CEOs, im Digitalen hausen. Die Freiheit vom Kapitalismus setzt Kreativität frei.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: