Derby & Wahl (Super-Wochenende)

In Hamburg steht uns ein im wahrsten Sinne Super-Wochenende bevor. Oder besser: das Super-Wahl-Wochenende. Denn, na klar, am Sonntag ist Bürgerschaftswahl. Tschentscher oder Fegebank. Rot oder Grün. Aber am Sonnabend, also mittags (ist ja 2. Liga), heißt es HSV oder St. Pauli. Es ist Derby-Zeit!

Die beiden Ereignisse passen ganz gut zueinander. Der HSV kommt seit Jahren wie die SPD rüber. Lebt von seiner ruhmreichen Vergangenheit, steht sich aber immer wieder selbst im Weg. In Hamburg auf der Zielgeraden mit den Verwicklungen in die Cum-Ex-Geschäfte der Warburg-Bank. Und der FC St. Pauli gibt sich wie die Grünen: alternativ, ist aber längst Mainstream. Der FCSP ist doch mittlerweile mehr Marke als Fußballverein. Weltweit verkaufen sich die Merchandisingartikel wie Zuckerwatte. 20190102_161926

Eine Stadt, zwei Vereine. Dort ist der (nach eigenem Selbstverständnis) große HSV, Repräsentant der Stadt mit großer internationaler Vergangenheit. Auf der anderen Seite der FCSP, Stadtteilverein, der sich nicht dem Diktat des Kapitalismus unterwerfen will. Und somit anders sein will als die ganze Stadt, diese alte Hansestadt, in der von der Handelskammer genauso viel Macht ausgeht wie vom Rathaus. Der Stadtteil St. Pauli steht für die dunkle Seite der Stadt – mittlerweile im positiven Sinne. Und genau das ist das Problem. Der gesamte Stadtteil mit der Reeperbahn, dem Rotlichtviertel und der Hafenstraße ist vom Tourismus und der Popkultur vereinnahmt. Vermarktet seine eigentliche Vergangenheit.

Der Jolly Roger ist zu einem leeren Symbol verkommen. Zu einem Signifikanten ohne Signifikat. Der Kapitän ist von seinen tausend Plateaus zurückgekehrt und altersmüde geworden.

So wie in den 80ern des letzten Jahrhunderts die Piraten den FCSP übernommen haben und den Jolly Roger ins Stadion getragen haben, ist es an der Zeit, die ganze Stadt zu übernehmen. Dazu bedarf es eines Symbols, das das Andere zeitgemäß repräsentiert.

Was uns zu der Frage führt, was eigentlich die Raute des HSV symbolisiert:

Blau und Schwarz, die Farben des SC Germania, wurden diesem zu Ehren in das Vereinswappen (Logo) übernommen. Es zeigt auf blauem Grund ein weißes auf der Spitze stehendes Quadrat mit breitem schwarzen und weißen Rand. […] Die „Raute“ ist einem oft verwendeten Symbol der Hamburger Handelsschifffahrt entliehen. Pate gestanden haben soll dabei auch der Blaue Peter, ein Flaggensignal für „Alle Mann an Bord“. (Wikipedia)

HSV gegen RechtsAn die Raute des HSV kann man also eigentlich ganz gut anknüpfen, weil es ein verbindendes Symbol ist: „Alle Mann an Bord!“ Zwar kann man es als Imperativ lesen, dass nämlich der Käptn gerufen hat, man kann es aber auch performativ lesen, indem eine Gemeinschaft gebildet wird.

Will man allerdings wirklich die Fankultur des HSV ändern, muss man ins Stadion gehen. Das muss man sich aber erstmal leisten können.

Tatsächlich ist es so, dass zwei Herzen in meiner Brust schlagen. Auch wenn ich am Hafen groß geworden bin, hätte ich als Kind wohl gesagt, dass ich HSV-Fan sei. Ich erinnere mich an Manni Kaltz und Thomas von Heesen. Große Spieler. Und dann in den 2000ern als der HSV noch international spielte… Aber dann begann er vom Kopf her zu stinken. Gleichzeitig habe ich bei packenden Pokalschlachten oder Auf- und Abstiegen mit Pauli mitgefiebert. Unvergesslich auch Pauli als Weltpokalsiegerbesieger! Ich konnte mich, und jetzt bitte keine Hasskommentare, in den 90ern aber auch für Werder Bremen freuen, als sie die großen Bayern ärgern konnten. Willy Lemke vs. Uli Hoeneß!

Bernd Hollerbach konnte auch vom FC St. Pauli zum HSV wechseln, genauso wie jetzt Jeremy Dudziak.

Also was ist meine Fußballidentität? Ich glaube, ich bin norddeutscher oder hanseatischer Freibeuter! (Außer heute Abend, wenn der BVB gegen Paris spielt.)20191222_084647

Der Fußball nimmt sich selbst viel zu ernst. Und auch die Fans nehmen ihn viel zu ernst. Warum können wir nicht gemeinsam ohne gegenseitigen Hass feiern? Zwar verbindet der Sport. Gleichzeitig grenzt Fankultur aus. Nämlich die Fans anderer Vereine.

Man muss erkennen, was der Fußball ist. Zumindest der Profifußball ist ein riesiges Geschäft. Auch der FC St. Pauli muss sich den Mechanismen des Marktes anpassen. Trotzdem versucht er, sich nicht dem Diktat des Kapitalismus zu unterwerfen. Und damit ist er sympathischer also so mancher Oberligist, der sich seinen Geldgebern ausliefern (winke, winke Teutonia 05).

Wir sollten uns freuen, zwei solche Vereine in der Stadt zu haben. Gleichzeitig sollten wir hoffen, dass wenigstens einer bald wieder erstklassig spielt. Und dann wäre es doch schön, mal wieder ein Stadtderby in der 1. Liga zu feiern.

Und eins noch: Lasst bloß die Kinder in ruhe. Nehmt ihnen nicht die Freude am Spiel!20191225_095737

 

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