RE-BOOT

Was, wenn die Simulation meines Lebens, meiner virtuellen Existenz, plötzlich Wirklichkeit wird? – Um Missve0rständnisse zu vermeiden: Nicht die Simulation wird wirklich, sondern sie ist die Realität? Aber nein, P.s Zweifel hatten keinen Grund. Alles in seinem Leben war Simulation, war Wiederholung bereits Gewesenen. P.s Leben bestand nicht aus Ereignissen, sondern es war eine Folge von Abbildern, eine Reihe von Samplern.

P. war nicht wirklich. Er war bloß ein Symbol, ein Code; aber dem Wesen nach eine Leerstelle, die mit einer binären Information ausgefüllt wurde.

Das Paradoxe war nur, dass P. sich dieser Nichtigkeit oder existenziellen Negation bewusst war.

Konnte P. das eigene System neu starten? Konnte er seine eigene Boot-Disc programmieren, um so neu, wirklich neu, ohne bloße Simulation zu sein, zu starten? Diese Frage beschäftigte ihn, als er über den ganzen Scheiß nachdachte, den er mit diesem Witzbold von Therapeuten besprochen hatte. Was anderes konnte man hier sowieso nicht machen – bloß nachdenken. Aber Scheiße, das war doch im Prinzip die Lösung. Oder zumindest der Ansatz dazu. Nachdenken. Damit musste er aufhören. Nicht denken; nicht simulieren. Sondern leben. Er-leben.

P.s Problem an diesem Abend war, sollte der angesprochene Therapeut später schreiben, dass er aus seiner binären Codierung des Lebens nicht herauskam.

Das Bewusstsein ist die Leere, nicht die Leere schlechthin, aber doch die Leere der Oberfläche des Spiegels, in dem wir anderen uns selbst sehen; denn erst durch den Anderen werden wir zu uns selbst. Mit dem Tod wird diese Leere, diese leere Stelle (oder Leerstelle) wieder mit Welt ausgefüllt.

Bewusstsein ist nicht von dieser Welt. Bewusstsein ist immer eine andere Welt.

P. konnte diese doppelte Dualität in seiner binären Codierung nicht er-fassen. Das war der Grund dafür, dass die anderen ihn dahin gebracht hatten, wo er jetzt war. P. war in seiner Art zu anders. Seine Welt war ohne Anschluss für die anderen Welten. P. überstrapazierte min seiner Andersheit das Band der Gesellschaft. Deshalb hatten sie, die anderen, ihn, den einen, innerhalb der Gesellschaft außerhalb dieser gestellt und ihm einen Retter geschickt: seinen Therapeuten.

Der stand nun in der Tür, als P. den Stuhl, auf dem er stand, wegtrat. Unmittelbar danach, sein Genick war nicht gebrochen, ein Reflex ließ ihn gegen das Ersticken kämpfen, bemerkte P. seinen Therapeuten, der ihm jetzt fest in die Augen blickte. In P.s letztem Augenblick von Bewusstsein war ihm, als ob er ein mildes Lächeln bemerkte, das seinen Neustart billigte.

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